Stalin - Große Säuberung. Seit 1914 durchlief die Gesellschaft Russlands - beziehungsweise ab Ende 1922 die Gesellschaft der Sowjetunion -- dramatische und von Gewalt geprägte Umbruchphasen: Innerhalb von rund 20 Jahren durchlitt sie den Ersten Weltkrieg, die Februar und anschließend die Oktoberrevolution 1917 sowie den Bürgerkrieg. Auf eine kurze Phase der Erholung in Gestalt der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) folgten -- nun bereits unter Stalins Regie -- die forcierte Industrialisierung, die Entkulakisierung und die Zwangskollektivierung. Die Ende der 1920er Jahre beschlossene schnelle Industrialisierung und die Zwangskollektivierung Anfang der 1930er Jahre veränderten die gesamte Sozialstruktur grundlegend. Waren 1928 erst 8 Prozent aller Berufstätigen in der Industrie und im Bauwesen beschäftigt, so verdreifachte sich dieser Anteil bis 1937 auf 24 Prozent. Die Schwerindustrie erzeugte weit mehr als die Hälfte der gesamten Industrieproduktion.[2] Der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft Tätigen nahm hingegen im gleichen Zeitraum von 80 Prozent auf 56 Prozent ab.[3] Hinzu kam eine Landflucht, die weltgeschichtlich bis dahin ohne Beispiel war: Von 1926 bis 1939 zogen mindestens 23 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Ende der 1930er Jahre waren 40 Prozent aller Stadtbewohner erst in den letzten zehn Jahren aus ländlichen Gebieten zugezogen.[4] Die städtische Bevölkerung hatte sich von 1926 bis 1937 von 26 Millionen auf 51,9 Millionen Menschen verdoppelt.[5] In Anlehnung an Moshe Lewin sprechen viele Historiker von einer „Flugsandgesellschaft", um die sowjetische Migrationsdynamik jener Jahre zu charakterisieren.